Ein Artikel aus der "Welt "vom Di, 7. März 2006, der sehr  lesenswert ist:
                                      
Neue Pest, alte Angst - Essay
Es gibt gute Gründe, an der Übertragung  durch Zugvögel zu zweifeln. Könnte
das Vogelgrippe-Virus nicht im Futtermittel  der Nutztiere lauern?

von Josef H. Reichholf
(Ornithologe und Zoologe in München)

Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer verschärfte Anfang März die 
Maßnahmen gegen die sich unaufhaltsam ausbreitende Geflügelpest. Sperrzonen 
gelten nun drei Kilometer im Umkreis um Fundstellen infizierter Wildvögel. Zehn 
Kilometer sind Beobachtungszonen. Katzen dürfen darin nicht mehr frei laufen, 
Hunde müssen an die Leine. Geflügelhaltungen können nur noch autorisierte 
Personen betreten, also die Betreiber selbst und der Tierarzt. Die Bevölkerung 
beunruhigt das alles noch mehr, auch wenn die Verbraucherschutzminister 
unablässig betonen, es handle sich bei der Vogelgrippe nur um eine Tierseuche.  Eine
erhöhte Gefährdung für die Menschen sei nicht gegeben. Die Maßnahmen  drücken
sichtlich anderes aus: Spezialtrupps der Bundeswehr zur Abwehr  biologischer
Waffen und das Einsammeln toter Vögel mit  Hochsicherheitsspezialanzügen
tragen nicht gerade zur Entwarnung bei. Lokale  Behörden sehen sich zuerst nicht,
dann aber doch völlig überfordert. Und über  allem schwebt weiterhin das
Rätsel, wie denn die Vogelgrippe wirklich verbreitet  wird.


Von der bisherigen Annahme, die Zugvögel wären schuld, rückt man ab; 
zögerlich zwar, aber unübersehbar. Ornithologen glaubten ohnehin nie daran, weil 
sich die Vogelgrippe quer zum Vogelzug von Ost nach West ausbreitet, nicht 
entlang der großen Flugrouten und zudem zu den falschen Zeiten. Das bei Rügen 
gelegene renommierte Friedrich-Loeffler-Institut geriet denn auch in 
Argumentationsnöte, als es die Infektion der Höckerschwäne auf Rügen den über  1000
Kilometer weiten Flügen von Singschwänen aus der hohen Tundra in  Westrussland
anlasten wollte. Denn wenn ein infizierter Schwan solche Strecken im  Kraftflug
bewältigen kann, sollte es nicht sonderlich ernst um die Virulenz des  Erregers
stehen. Schlimmer noch: Der auf Rügen verendete Kater, der mit dem auch  für
Menschen gefährlichen Subtyp von H5N1infiziert war, hätte das für Katzen so  gut
wie Unmögliche vollbringen müssen, sich draußen am Eisrand der Ostsee einen 
sterbenden oder frisch toten Schwan zu holen und anzufressen, um danach zu 
sterben. Noch nie ist so ein Verhalten einer Hauskatze bekannt geworden.


Doch nach anderen Wegen für die Ausbreitung der Seuche wird nach wie  vor
viel zu zögerlich oder gar nicht ernsthaft geforscht. Dabei könnte der mit 
Abstand für die Massengeflügelhaltung gefährlichste Infektionsweg über das  Futter
verlaufen. Wie schon die vielen Fälle in Südostasien legt der Ausbruch  der
Vogelgrippe in einer geschlossenen Großfarm für Puten bei Lyon in  Frankreich,
wo Ende Februar über 11 000 Truthühner getötet werden mussten, diese  Annahme
nahe. Über die als Dünger weiterverwerteten Exkremente der  Geflügelhaltung, die
nach Ansicht der Virologen als Hauptquellen für die aktiven  Viren anzusehen
sind, können die Erreger auf die Fluren und in die Gewässer  gelangen und dort
offenbar sogar von Fischen aufgenommen und weiterverbreitet  werden. Das geht
aus den an Vogelgrippe gestorbenen, aber mit Fischen  gefütterten Zibetkatzen
in Vietnam hervor. Gründlich müsste daher kontrolliert  werden, was über die
Futtermittel in die Geflügelhaltungen hineinkommt und was  an Abfällen, die
weiterverwertet oder als Abwasser ausgeleitet werden, diese  wieder verläßt, um
einen solchen Infektionsweg auszuschließen. Die Entwicklungen  mit der
Vogelgrippe in Ostasien passen viel besser zum Konzept, dass sich  Wildvögel an
infiziertem Hausgeflügel und dessen Hinterlassenschaften ansteckten  - und nicht
umgekehrt!

In dieser Situation voller Unklarheiten und Annahmen taucht unweigerlich die Frage auf, wozu die in Deutschland verfügten Beschränkungen und Kontrollmaßnahmen gut sein sollen. Zweifellos dienen sie zuallererst dem Schutz der Massenhaltungen von Geflügel. Sie sollen Produktion und Export von deutschem Geflügelfleisch sichern. Dass mit dem Stallzwang alle kleinbäuerlichen und privaten Haltungen von Hühnern, Enten, Pfauen und Gänsen schwerstens getroffen oder ruiniert werden, die Massengeflügelhaltung jedoch nicht, wird billigend in Kauf genommen. Dabei ist es ähnlich abwegig und durch nichts bewiesen, anzunehmen, dass ein mit Vogelgrippe infizierter Schwan kurz vor seinem Ende noch das Bedürfnis verspüren könnte, auf einem Hühnerhof zu landen, wie es höchst unwahrscheinlich ist, dass sich Zugvögel ausgerechnet über dem Hof entleeren und dabei die freilaufenden Hühner infizieren. Für solche Vorgänge fehlt jeder konkrete Hinweis, auch wenn Virologen in Labortests die Infektionsfähigkeit von Vogelkot zweifelsfrei nachweisen.

Der Bundeslandwirtschaftsminister und die mit der Bekämpfung der Vogelgrippe befassten Behörden und Institutionen haben diese Möglichkeit selbst nicht wirklich ernst genommen. Andernfalls hätte letzten Herbst kein Gemüse mehr von den Feldern und kein Obst aus den Gärten auf den Markt gebracht werden dürfen, nachdem Zugvögel zu vielen Tausenden über deutsche Fluren geflogen waren. Zum Schutz der Bevölkerung müsste zukünftig die Nutzung von Freilandgemüse verboten werden. Die Uferbereiche sämtlicher Gewässer, sogar die Badeseen, wären zu Sperrzonen zu erklären, weil dort die vom Friedrich-Loeffler-Institut für besonders gefährlich gehaltenen Wasservögel andauernd ihre Exkremente hinterlassen. Noch mehr gilt das für die Stadtparkgewässer, auf denen sich genau jene Vogelarten zu Hunderten tummeln und von den Menschen füttern lassen, bei denen in Deutschland H5N1-Infektionen nachgewiesen worden sind: Höckerschwäne, Stockenten, andere Entenarten und Möwen. Doch diese Orte, an denen sich Wasservögel und Menschen in großer Zahl am nächsten kommen, bleiben offenbar vom Krisenmanagement gänzlich unberücksichtigt. Die verschärften Bestimmungen betreffen zwar alle Landwirte, die nebenbei Hühner und Enten halten, nicht aber die Jäger, obwohl sie mit Fasanen, Wildenten und mit Füchsen hantieren. Dabei sollten sich Füchse weit eher als freilaufende Katzen an verendeten Vogelkadavern anstecken. Sie räumen diese nachts ab, bevor am Morgen der Suchtrupp kommt. Vom eingesperrten Geflügel können Ratten und Mäuse ohnehin niemals ferngehalten werden.



Deshalb müssen wir wohl in Zukunft mit dem Vogelgrippe-Virus leben. Vielleicht tun wir das schon seit Jahren und wussten es bloß nicht. Weil tote Vögel, die es nach jedem strengen Winter in großer Zahl gibt, daraufhin nicht untersucht worden sind. Oder weil das Virus gesunden, kräftigen Vögeln weit weniger anhaben kann als dem zu Zigtausenden in der Massenhaltung zusammengepferchten Geflügel. Wer die Zugvögel für die Hauptverbreiter der Seuche hält, muss von der geringen Gefährlichkeit der Geflügelpest für frei lebende Vögel und für den Menschen ziemlich überzeugt sein. Wer dagegen die Vogelgrippe für höchst gefährlich einstuft, sollte dringend nach anderen Infektionsquellen suchen. Mit Labortests an toten Tieren allein werden sich die Ausbreitungswege der Viren in der Natur sicherlich nicht ausreichend erfassen lassen. Beim Ernstfall geht es aber um die ganze Bevölkerung, um die gesamte Natur und was wir in Zukunft draußen noch machen können werden. Zu fordern ist daher absolute Priorität für die Menschen. Danach erst kommt das Geflügel.


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